Robur XI: Hinterachs- Überraschungen
Nun wurde es Zeit, sich dem Fahrwerk zu widmen.
Die Hinterachse war außenrum erstaunlich trocken, was ich zunächst nicht als Warnzeichen verstand. Ein Kontrollgriff am Kardanflansch offenbarte für meinen Geschmack etwas sehr viel Zahnflankenspiel. Beim Ablassen des Achsöles kam nur eine Tasse voll schwarzen Sirups zum Vorschein. Aha. Also ist das Ding nicht dicht, sondern leer. Mist.
Mit Hilfe meines elektrischen Hubwagens und einer etwas abenteuerlichen Konstruktion bockte ich den Bus hinten hoch und baute die Hinterachse aus. Als ich sie zerlegte, offenbarte sich das ganze Elend: Offenbar hatte da niemand nach dem Öl geschaut und sie muß längere Zeit nahezu komplett trocken gelaufen sein! Sogar die Ausgleichskegelräder und ihre Wellen wiesen extreme Freßspuren auf. Theoretisch sollte das gar nicht möglich sein, denn bei Geradeausfahrt stehen diese Teile gegeneinander still und nur bei Kurvenfahrt machen sie einige Wälzbewegungen.
Die für mich einzig plausible Erklärung dafür ist, daß jemand den Bus mal über eine längere Strecke abgeschleppt hat und in der Absicht, das Differential zu schonen nur eine Steckachse gezogen hat. So dreht sich die Kardanwelle zwar nicht, aber das Differential dafür auf Hochtouren.
Sämtliche Lagerflächen waren durch die entstandenen Späne ebenfalls im Eimer, so daß von dieser Achse nicht mehrt viel zu gebrauchen war.
Also mußte eine neue her.
Es ist gar nicht so einfach, Achsen in der relativ langen Busübersetzung zu finden. Gut, wenn man noch was auf Lager hat. Die Ersatzachse, die ich mal einem 1989er Schlachtfahrzeug entnommen hatte, stellte sich allerdings ebenfalls als Kernschrott heraus.
Ein paar Dörfer weiter konnte ich dann noch eine Achse aus dem Gestrüpp ziehen, die innen in einem ordentlichen Zustand war. Nur leider ist es eine vom Allradler, die die kürzeste Übersetzung überhaupt hat. Also wieder nix.
Über Kleinanzeigen fand ich dann eine Achse und ein offenbar generalüberholtes Diffenential, das offenbar Jahrzehnte in einer Scheune zugebracht hatte. Also flugs ins Auto und an die Südspitze Sachsens getobt und beides geholt.
Tatsächlich war das Differential zu meiner großen Freude „frisch“ generalüberholt und wies obendrein noch die passende Übersetzung auf. Es war mit reichlich Bärendreck abgedichtet und beim Zerlegen zeigte sich der Grund: Irgendwer hat die Gehäusehälften mal mit dem Hammer getrennt und dabei die Dichtfläche versaut. Mit ein paar sorgsamen Feilstrichen war das aber schnell behoben und ansonsten wurde das Innenleben nur gründlich gereinigt, die Gehäusehälften lackiert und alles wieder zusammengebaut. Ich fing mich schon an, zu freuen,
doch Halt: Wie sieht denn der Wellenstumpf aus? Der hat ja ein völlig anderes Profil als die anderen Differentiale? Auch das Wellenprofil für die Steckachsen ist viel gröber! Höchstwahrscheinlich stammt das Teil vom Vorgängermodell (Phänomen) Wieder nix!
Letzte Chance: Die komplette Achse, die ich dazu bekommen hatte. Angefühlt hat auch sie sich wieder gut, aber ich traue dem Braten inzwischen nicht mehr. Zu Recht, wie sich zeigte. Zwar gab es kaum Verschleiß, aber der gehärtete Anlaufring eines der Achskegelräder war gebrochen und hatte auf seiner Reise durch das Innenleben für schwere Verwüstung gesorgt. WIEDER nix!
So habe ich dann aus den besten Teilen der vorhandenen Achsen, neuen Lagern und ein paar Ersatzteilen eine Achse zusammengebaut und sorgfältig ausdistanziert.
Als ich damit fast fertig war, bekam ich von einem guten Bekannten tatsächlich eine tiptop- Hinterachse angeboten. Das Öl sah gut aus, das Spiel stimmte und ein kurzer Blick mit dem Endoskop zeigte auch keine Auffälligkeiten. So entschied ich mich dann dieses Teil einzubauen und die frisch überholte als Ersatzteil einzumotten.
Jetzt sollten mich wohl keine größeren Probleme mehr am Fahrwerk erwarten, oder?
Irrtum!
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